Die vier Protagonisten: Henk de Jong, Fabian Böhm, Anikke Kurz-Nakath sowie Dr. Jèrôme Servais (v.li.)

»EIN TAGEBUCH, AUF DAS MAN ZURÜCKBLICKEN KANN«

Am 21. Dezember wurde im Pforzheimer Cineplex ein Film ausgestrahlt, der den gesamten CI-Versorgungsprozess darstellt. Initiiert und finanziert von Böhm Hörakustik erzählt die Lehrerin Anikke Kurz-Nakath dabei von den Erfahrungen, die sie beginnend von der Beratung bis zu den ersten Nachversorgungsterminen gemacht hat. Wir sprachen nach der Kinoausstrahlung mit den Impulsgebern Fabian Böhm und Henk de Jong sowie der Protagonistin selbst.

Herr Böhm, hinter Ihrer Verfilmung »Meine Hörreise« steht ein langer Denkprozess. Warum war Ihnen dieses Filmprojekt so wichtig?

Böhm: Die Idee, einen Film über den CI-Versorgungsweg zu machen, ist Stück für Stück entstanden. Da wir immer mehr Kunden und CI-interessierte bei uns im Studio beraten dürfen und dabei sehr häufig die gleichen Fragen gestellt bekommen, entstand der Gedanke, einen schönen Erklärungsfilm zu produzieren, den man immer wieder einsetzen kann. Es ging also darum, Aufklärung für diesen speziellen Versorgungsweg zu betreiben. Dass der Film aber letztlich entstehen konnte, hat mit der besonderen Konstellation zwischen Anikke und Henk zu tun. Beide haben eine besondere Bindung zueinander.

Frau Kurz-Nakath, was hat Sie überhaupt dazu bewogen, sich auf so eine Idee einzulassen? Das ist doch schon eine sehr persönliche Angelegenheit …

Kurz-Nakath: Alles hat damit angefangen, dass Henk mich einmal danach gefragt hat, ob ich offen wäre, an einem Aufklärungsvideo für den Böhm-YouTube-Kanal mitzuwirken. Zunächst habe ich schlucken müssen. Entsprechend habe ich das Thema ein wenig von mir weggeschoben und hoffte: Hoffentlich fragt er mich nie wieder. Nach einer Weile habe ich das gemacht, was alle machen, und im Internet und auf YouTube nach Informationen über die Versorgung mit einem CI gesucht, aber leider sehr wenig gefunden. Ich hatte Fragen zum Weg der Entscheidung oder über die Abläufe einer CI-Operation. Ich konnte einiges im Netz finden, aber nichts, was das Thema ganzheitlich in einem Film zusammenfasst. Als dann Henk ein weiteres Mal nachgefragt hat, habe ich mich entschieden: Komm ich mach‘s, vielleicht kannst du ja für jemanden eine Entscheidungshilfe sein, wenn jemand als unabhängige Person dir zeigt, wie das in echt aussieht. Zudem ist dieser Film für mich, wie soll ich es nennen, eine Art Tagebuch, auch emotional gesehen. Von daher dachte ich, es bringt mir etwas, meiner Familie und natürlich auch vielen, die jetzt vor der Entscheidung stehen. Dennoch hat mich die Frage anfangs schon etwas Überwindung gekostet.

Über 100 Besucher verfolgten am 21. Dezember im Pforzheimer Cineplex den Film »Meine Hörreise«

Wie war die Reaktion Ihrer Familie nach dem Kinofilm?

Kurz-Nakath: Wir durften den Film vorab zu Hause sehen. Schon da waren alle schwer imponiert. Wir waren uns nach der Vorstellung jedoch einig, dass der Film im Kino viel emotionaler herüberkam als zu Hause. Meine Freundinnen haben Tränchen verloren, und auch ich musste mich wegen der Podiumsdiskussion, die danach stattfinden sollte, echt zusammenreißen. Man kann aber schon sagen, dass mein Umfeld sehr beeindruckt war, und es alle toll fanden!

Böhm: Die Reaktionen nach dem Film waren tatsächlich sehr spannend. Ich habe am Abend einige Mini-Interviews geführt und mir ein paar Personen geschnappt, um noch einmal kurze Impressionen und Videos einzuholen. Unter anderem stehe ich vor einer blonden Frau, und mir war gar nicht bewusst, dass das Anikkes beste Freundin war. Plötzlich fängt Sie fast an zu weinen, das war so toll, so intensiv und so emotional. Sie sagte nur, dass sich das Leben von Anikke so stark gewendet hätte. Durch die CI-Versorgung hätte sie in ihrem Leben deutlich mehr Sicherheit erhalten. Sie war völlig überwältigt.

Haben Sie sich direkt nach dem Hörsturz, den Sie mit 27 Jahren erlitten, mit Hörgeräten versorgen zu lassen?

Kurz-Nakath: Ja, bereits bevor ich Henk kennenlernte, hatte ich Hörgeräte. Ich war bei einem anderen Akustiker, der viele Standorte hatte. Warum ich ausgerechnet Henk in Mühlacker aufsuchte, weiß ich nicht mehr. Grundsätzlich gesprochen kann man aber sagen, dass die Schwelle, zum Akustiker zu gehen, bei mir damals tatsächlich nicht sehr hoch war. Durch eine Freundin, die selbst Hörgeräte trägt, Akustikerin ist und inzwischen bei Phonak in der Schweiz im Forschungsbereich arbeitet, verstand ich, dass sie mit Hörsystemen gut hört, während ich nicht gut hören konnte. Und da beide Ohren ein Hörgerät brauchten, bin ich dann doch relativ früh nach dem Hörsturz zum Akustiker. Es war also schon meine Freundin, durch die ich mich ein wenig vorinformieren konnte.

Haben Sie sich auch Gedanken im Hinblick auf den Akustiker gemacht?

Kurz-Nakath: Schon ein Stück weit. Nachdem ich Henk kennengelernt hatte, stellten wir fest, dass wir Kinder im gleichen Alter haben. Dadurch ist früh ein Vertrauensverhältnis entstanden. Denn man hat ein gemeinsames Thema. Insofern war auch klar, dass ich mit Henk wechsele, als er sich entschied, die Arbeitsstätte zu wechseln. Es war ein Verhältnis, das nicht nur rein geschäftlich war. Ich fühlte mich als Mensch mitgenommen und seine Expertise überzeugte mich stets.

Wie wichtig ist für Sie heute der Faktor Hörakustiker?

Kurz-Nakath: Noch wichtiger als früher. Wenn ich nicht einen Akustiker hätte, der mich rund um das Thema CI bei Fragen, Unsicherheiten oder mich bei irgendwelchen Ängsten unterstützen und mir helfen kann, hätte ich den ganzen Prozess nicht so locker weggesteckt. So aber hat man sofort den Kontakt und jemanden, der einem unmittelbar hilft. Vor allem am Anfang, wo das doch eine sehr emotionale Geschichte ist. Wenn ich gemerkt habe, das Ohr wird schlechter, ich höre überhaupt nichts, dann zu wissen, es ist egal, ob ich vor der Person heule oder nicht, ist das für mich natürlich sehr wertvoll. Denn das ist so auch wirklich geschehen.

Herr Böhm, ist das auch ein Punkt, bei dem Sie sagen, gerade bei der CI-Versorgung braucht es diese Art der Kommunikation, damit man mehr Vertrauen in das Produkt schaffen kann? 

Böhm: Definitiv ja. Gegenüber einer Hörgeräteversorgung verläuft der Prozess bei einer CI-Versorgung wesentlich emotionaler. Den Menschen in der Situation begleiten zu dürfen, wenn eine Operation ansteht, ist schon etwas Besonderes. Ich glaube, das ist etwas, was eine ganz starke Bindung schafft, und das konnte man eben sehr gut bei Anikke heraushören. Sie beschreibt das, was wir oft erleben, wenn sich Kunden kurz nach der Implantation bei uns melden, um Bescheid zu geben, dass die OP gut verlaufen ist. Wer ruft denn schon bei seinem Dienstleister an, um über so etwas zu informieren?

Herr de Jong, wenn ich das richtig verstanden habe, dann hatten Sie selbst vor ihrem Wechsel zu Hörakustik Böhm kaum Berührung mit CIs.

de Jong: Stimmt, das war überhaupt nicht der Fall. In den Niederlanden in der Ausbildung, und auch in Deutschland in der Meisterausbildung wird das Thema zwar besprochen. Aber im normalen Fachgeschäft sind mir sehr selten Kunden mit einem CI begegnet. Eine intensivere Berührung bekam ich mit dem Thema erst, als ich mich entschied, zu Böhm Hörakustik zu wechseln.

Haben Sie mittlerweile einen CI-Fortbildungslehrgang gemacht?

de Jong: Ja, ich habe in der Tat bereits einige Weiterbildungen absolviert. Auch in diesem Jahr stehen weitere Kurse auf dem Plan. Man kriegt hier im Betrieb schon zwangsläufig sehr viele Informationen mit an die Hand und hierdurch Wissen vermittelt. Das gilt nicht nur für die CI-Fortbildungs- und Informationstage, die Fabian immer wieder organisiert, und die komplett mit dem Thema vollgespickt sind. Es ist ebenso der Blick über Fabians Schultern bei CI-Anpassungen, der natürlich das Erlernen des CI-Alltags im Hörstudio erleichtert. Eine sehr intensive Erfahrung war für mich natürlich, dass ich bei der Operation von Anikke mit dabei sein durfte. 

Nach Ausstrahlung des Films und einer kleinen Podiumsdiskussion lud Fabian Böhm die Kinobesucher zu einem kurzen Get-together im Hörstudio ein

Jetzt kann ich nur erahnen, wie der Tag X war, als klar war, dass es ohne CI nicht mehr geht. Wie sind Sie die Sache angegangen? Wie haben Sie Frau Kurz auf das Thema angesprochen?

de Jong: Dadurch, dass die Ohren immer schlechter wurden, stand für mich eigentlich relativ schnell fest, dass diese Situation irgendwann kommen würde. Entsprechend haben Anikke und ich darüber auch lange und offen gesprochen. In den intensiven Gesprächen kamen dann zwei Fragen zwangsläufig auf: Kann man die Hörverschlechterungen aufhalten? Und was passiert, wenn das Hörgerät nicht mehr ausreichen sollte? Ich habe mir oft Gedanken gemacht und versucht, mich in meinem Kollegenumfeld umzuhören, da der Grund für die Hörverschlechterungen zunächst nicht eindeutig nachvollziehbar war. Das Gehör hat sich weiter verschlechtert und Anikke wusste, dass das Hörgerät irgendwann nicht mehr ausreichen würde. Mehrere Jahre konnten wir gemeinsam ihr Gehör mit Hörgeräten recht gut ausgleichen. Das gab ihr aber den Raum, das Thema CI lange bei Seite zu schieben. Ich weiß noch, wie sie mich einmal aufsuchte und das Gespräch mit den Worten eröffnete ›mein Mann sagte mir, du sollst mir jetzt mal ein richtig gutes Hörgerät verpassen‹. Das war für mich der wichtige Schritt, den es braucht. Denn es zeigt, dass ihre Familie sie dabei unterstützt, ein gutes Hören zu erlangen. Und somit kam dann auch das Thema ›Hörgerät oder tatsächlich die andere Hörlösung‹ auf den Tisch.

Welche Rolle spielte dabei das Heilig-Geist-Hospital in Bensheim?

Böhm: Zunächst einmal schauen wir bei allen Kunden, die uns neu aufsuchen, wie sie versorgt sind und wie sich ihr Umfeld darstellt. Auch schauen wir, auf welche Erfahrungswerte unsere Kunden zurückblicken können. Unter anderem greifen wir auch auf eine langjährige Vertrauensbasis mit Dr. Servais zurück und schätzen die intensive Zusammenarbeit mit Bensheim sehr. Anikke hat sich jedoch selbst ein Bild von Bensheim verschafft und sich sofort wohl und gut aufgehoben gefühlt. Nach den Untersuchungen war Anikke sehr klar und bereit für den nächsten Schritt. Da ich mit Dr. Servais in der Vergangenheit schon einige CI-Info-Veranstaltungen mit Videodreharbeiten durchgeführt habe, passte die Klinik perfekt ins Konzept. Das habe ich selbstverständlich auch mit Anikke und Henk diskutiert. Hintergrund ist natürlich auch der, dass wir uns im Hinblick auf die wohnortnahe Versorgung Gedanken gemacht haben. Schließlich hat Anikke vier Kinder. 

Was die wohnortnahe Versorgung betrifft, ist man in Bensheim ja sehr aktiv. 

Böhm: Richtig. Dort ist man bereit, die Dinge auch einmal anders zu durchdenken und offen anzusprechen. Das war uns sehr wichtig: Wir wollten eine wohnortnahe Versorgung für Anikke ermöglichen. Zudem wollten wir alles modern gestalten, zeitnah realisieren und in der Art richtig umsetzen. Entsprechend passte das Heilig-Geist-Hospital aus meiner Sicht gut zu unserem Filmprojekt. Dort zeigte man sich auch sofort offen für dieses Projekt und die Klinik hat das ganze Konzept und die Filmaufnahmen freigegeben.

Anikke Kurz-Nakath (rechts) freut sich mit Freundin Sonja Dittus auf die Filmpremiere

Hatten Sie das Gefühl, auf ein gut informiertes Netzwerk zu treffen?

Kurz-Nakath: Definitiv. Ich habe ja auch die Infomappen aller Hersteller. Aber ohne die Aufklärung von Henk ist man damit am Anfang völlig überfordert. Denn man versteht das Thema am Anfang nicht wirklich. In der Situation einen Akustiker zu haben, der das alles vorsortiert und genau wusste, was für mich wichtig ist, ist fast schon unbezahlbar. Henk kannte mich ja so gut, dass er das alles wusste. Das war wirklich alles sehr hilfreich. Ich hätte das alleine nicht schaffen können.

Würden Sie sagen, dass solche geordneten Strukturen, wie Sie sie in Pforzheim vorgefunden haben, eher eine Ausnahme darstellen?

Kurz-Nakath: Ja.

Konnten Sie überhaupt etwas mit dem Begriff der Wohnortnahen Versorgung anfangen?

Kurz-Nakath: Mir war schon klar, dass ich im ersten Jahr wegen OP, der einwöchigen Reha und den Nachsorgeterminen ab und an mal nicht zu Hause sein werde. Durch die enge Betreuung bei Böhm Hörakustik stand aber von Anfang an fest, dass ich für kleine Sachen zum Akustiker gehen kann und keinen langen Fahrweg auf mich nehmen muss. Das ist mit vier Kindern für mich extrem wichtig. Man muss aber auch sagen, dass es bei mir so gut läuft, dass ich Dr. Servais zufolge im Gegensatz zu anderen Patienten nicht einmal eine zweite Reha zwingend brauche, die ich in diesem Jahr in St. Wendel eigentlich machen wollte. Wenn ich mir aber überlege, und ich habe es ja in der Reha mitbekommen, ich müsste jedes Mal für irgendwelche kleine Fragen in die Klinik fahren, dann ist das schon irgendwie verrückt. Bis man einen Termin bekommt, all die Wartezeiten, die wechselnden Ansprechpartner, ich mag daran erst gar nicht denken. So gesehen bin ich natürlich total froh, dass das auch mit einer wohnortnahen Versorgung geht.

Nach Ausstrahlung des Films wurde Fabian Böhm als Blue Partner von Advanced Bionics ausgezeichnet

Wurde Advanced Bionics im Hinblick auf den Film miteinbezogen?

Böhm: Nein, bzw. nur teilweise. Dass Anikke sich nach der Beratung für AB entschied und dies aus dem Film ebenso hervorgeht, hat nichts mit AB selbst zu tun. Mir war nie wichtig, jemand zu gewinnen, der mich bei dem Filmprojekt finanziell unterstützt. Das hätte unserer Intention, einen werbefreien aufklärenden Film zu produzieren, gegenübergestanden. Wir hatten auch keine weiteren Sponsoren. Dennoch habe ich bei der Werbephase Kontakt zu AB gesucht, um das Projekt durch Ihre Kanäle zu verstärken. AB war sehr erfreut und hat das Event mit ihrer Präsenz und fünf Mitarbeitern vor Ort begleitet und dadurch sehr professionell unterstützt. Dass AB jedoch beim Kinoevent mit dabei war, ist eine Entscheidung, die relativ spät fiel. Im Grunde genommen erst, als wir uns Gedanken zur Bewerbung des Films und Einladungen gemacht haben. Natürlich weiß Paul Hoffer, der für mich seit acht Jahren Videos produziert, dass ab und an ein Schwenk auf die Produkte mit dazugehört. Ganz klar mein Wunsch bei jeder meiner Produktionen. Eine vorherige Absprache bei der Video-Entstehung war also nicht der Fall. AB zeigte sich aber sehr dankbar und verlieh uns am Abend das Blue-Partner-Zertifikat. Das empfinden wir als eine große Anerkennung unserer jahrelangen Partnerschaft und Zusammenarbeit. Das ändert jedoch nichts daran, dass Anikke von Beginn an im Mittelpunkt stehen sollte, die mit ihrer Hörreise erzählt, wie eine gelungene CI-Versorgung aussieht und welche Punkte dabei zu beachten sind.

Das haben Sie alles selbst finanziell gestemmt?

Böhm: Ja. Sicherlich, das war schon eine größere Summe, die man nicht einfach aus der Portokasse zahlt. Das war‘s mir aber Wert! Zum einen sehe ich das als Invest in die Zukunft meines Unternehmens. Zum anderen habe ich aber damit auch einen Mehrwert gestiftet, der allen Betroffenen, Institutionen, CI-Trägern und vielen weiteren Menschen weiterhelfen kann. Das Thema CI-Versorgung gehört aus meiner Sicht sowieso mehr in die Öffentlichkeit, das Projekt soll also eine Perspektive und Möglichkeit eröffnen, wie ein möglicher Hörweg aussehen kann, wenn das Hörgerät nicht mehr ausreicht. Auch Henk habe ich dadurch eine verdiente Bühne eröffnet. Und wie Anikke sagte, es ist ein Tagebuch, auf das Sie in ein paar Jahren mit Stolz zurückblicken kann. Dies erfüllt mich mit großer Freude und auch Stolz, sie auf diesem Weg mit begleitet und unterstützt zu haben. https://www.fabianboehm.com/kinofilm/

Frau Kurz-Nakath, meine Herren, vielen Dank für das Gespräch!

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